Geist und Kambodscha

Dass in Kambodscha der Glaube an diverse Geister eine ganz große Nummer ist, dürfte nicht überraschen, wer in dem Land eine kurze Zeit verbracht hat. Überall stehen die kleinen, auf einem Pfahl aufgebockten Häuschen, die den Geistern aus Boden und Luft als Wohnstatt dargeboten werden. Die Geister lebten einstmals auf den Bäumen oder im Erdreich. Klar werden die böse, wenn man die Bäume fällt oder ein Haus auf dem Boden errichtet. Gibt ihnen aber ein kleines Geisterhäuschen, in dem sie es sich gemütlich machen können, dann sieht die Welt doch gleich wieder ganz anders aus. Auch für das leibliche Wohl der Geister wird von den Usurpatoren des Landes freilich gesorgt. Bananenstauden, Cola oder Fanta, Curry oder Reis, manchmal gar Schnapps und Zigaretten scheinen nach dem Geschmack der Geister zu sein.
Erst vor kurzem ging einer der bedeutendsten Feiertage in Kambodscha zu Ende: Chum Benh. Dieser Feiertag ist eigentlich kein Feiertag, sondern ein halber Feiermonat, da das Fest über einen halben Monat hin währt, und am Ende einen Kulminationspunkt hat, an dem alle zu ihren Familien fahren und der Toten gedenken. Freilich geht man abends besser nicht mehr raus, da die Geister der Toten draußen herumschwirren und auch sonst sorgt das Geisterwesen während Chum Benh bei manchen für eine vorübergehende seelische Zerrüttung.
Inwieweit nun der Geist aber auch in die kambodschanischen Gesetze Einzug gehalten hat, erfuhr ich erst unlängst als ich vor lauter Verdruss die kambodschanische Strafprozessordnung bis zum Ende durchblätterte. Dort findet sich nämlich am Ende ein Schwur, der von Zeugen aufgesagt werden muss, die vereidigt werden sollen. Die Geister erhalten eine Art Funktionszuwachs und sollen nun auch die Lügner vor dem Herr – äh dem Gericht – zur Strecke bringen. Die glorreiche Eidesformel lautet in Englischer Übersetzung:
»I will answer only the truth, in accordance with what I have personally seen, heard, know, and remember.
If I answer falsely on any issue, may all the guardian angels, forest guardians and powerful sacred spirits destroy me, may my material possessions be destroyed, and may I die a miserable and violent death. But, if I answer truthfully, may the sacred spirits assist me in having abundant material possessions and living in peace and happiness along with my family and relatives forever, in all my reincarnations.«

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