Die Vertreibung der Backpacker

Backpacker sind eine Plage. Sie sind ranzige Leute, die Bier trinken, stillos aussehen und dabei noch alle mit ihrer Bierseeligkeit affizieren wollen. Backpacker sind objektiv schlecht. Das merkwürdige ist allerdings, dass sich diese objektive Schlechtigkeit gar nicht aus irgendeiner einzelnen Eigenschaft herleitet – weder gegen Biertrinken, noch gegen Verschwitztsein nach einer langen Reise lässt sich ein Argument aufbieten, das jenseits von Koketterie Bestand haben könnte. Und dass einer einen Rucksack trägt – also ein Backpacker ist – das kann man wahrhaft niemanden vorwerfen, jedenfalls nicht in dem Land, dass sich gegen Rollkoffer verschworen hat, indem die Fußwege uneben und mit Unrat verstellt sind.
Merkwürdigerweise ist es nun aber auch nicht ein bestimmtes Bündel an Eigenschaften, das dem Backpacker an und für sich eignet. Backpacker sind einfach da und man weiß, wenn man einen trifft.
Zugegebenermaßen besonders einfach ist die Identifikation in den Fällen, in denen die Backpacker ihre allseits beliebten Motto-Shirts tragen. Angeführt wird die Mottohitliste von dem albernen T-Shirt, auf dem vorne »Same, Same« und hinten »but different« steht. Da frage ich mich, ob diese Hanswürste wirklich glauben, dass sie »but different« wären. Ich bezweifele aber, dass sie überhaupt über den Sinn des T-Shirts nachgedacht haben. Wahrscheinlich mussten sie es einfach kaufen, da auch die anderen Backpacker es schon hatten. Man sollte ihnen daher lieber eine Kluft verpassen, auf der »same same – but same« geschrieben steht.
Ebenfalls ein gerne gewähltes Ausstattungselement des an und für sichseinenden Backpackers ist die Wandergitarre. Nun wäre gegen einen virtuosen Gitarrenspieler keineswegs etwas einzuwenden. Der könnte recht gerne neben meinem Tisch stehend ein Ständchen zum Besten geben. Indessen zeichnet es den gitarrespielenden Backpacker gerade aus, dass er nicht Gitarre spielen kann. Er stümpert in aller Öffentlichkeit ein paar schräge Akkorde zusammen, ohne vorher in der Lage gewesen zu sein, die Gitarre zustimmen. Wenn es ganz schlimm kommt, wird auch noch versucht zu singen. Ich kann das einfach nicht verstehen! Bevor man mit einem Instrument in der Öffentlichkeit Lärm emittiert, hat man doch zumindest einmal geübt; und wenn man trotz Übens einfache Akkorde nicht in einmal mittelmäßig erklingen lassen kann, dann könnte man doch so ehrlich zu sich selbst sein und sich lieber ein anderes Hobby suchen. Ich würde Seidenmalen vorschlagen, das ist wenigstens leise.
Das wahrlich hässlichste Merkmal eines Backpackers, das bei mir nach ca. 5-monatiger Exposition unkontrollierte Aggressionen erzeugt, ist der Vollbart, den sich eine Vielzahl junger Herren wachsen lässt. Unter Insidern wird die Anwesenheitsquote solcher Backpacker auch als Jesusfaktor bezeichnet, da Sandalen, Länge der Haare und auch das sonstige Erscheinungsbild ungefähr dem landläufigen Klischee über des Herrn Jesus Aussehen entsprechen. Ein Stigma ist indessen noch an keinem der hier wandelnden Bartträger entdeckt worden.
Am schlimmsten ist nun aber eigentlich, wenn diese Menschen auf einem Haufen zusammenkommen. Zentren gibt es da überall auf der Welt, besonders verstärkt aber in den »exotischen« und billigen Reiseländern Südostasiens. So gibt es beispielsweise in Bangkok die berüchtigte Khao San Road – eine ganze Reeperbahn nur mit Backpackern. Das kann einem schon die Laune verderben.
In Phnom Penh liegt das Zentrum der Backpacker am Boeng Kak Lake, der trotz ihrer Anwesenheit zu den schönsten Stellen der Stadt gehört. Die Backpacker machen es sich hier ab 2 US $ pro Nacht in einfachen, über Stelzen auf dem See gebauten Hütten gemütlich und trinken bei lange währender Happy Hour ihre Biere.
Man möge mir nachsehen, dass ich von einer negativen Phänomenologie des Backpackers zu einem etwas ernsthafteren Thema übergehe. Am Schicksal dieses Sees lässt sich nämlich in Phnom Penh gerade verfolgen, was hier landesweit mit vielen Menschen geschieht. Sie werden auf grausame Weise von ihrem Land vertrieben und mit einem lachhaften Betrag entschädigt. Das Gebiet des Sees ist nämlich unlängst an einen koreanischen Investor verkauft worden. Ach nein, stimmt gar nicht. Es ist für die nächsten 99 Jahre verpachtet worden und das für den lachhaften Betrag von 100 Millionen US $. Nicht das ich gerade soviel auf Tasche hätte, aber für ein Gelände, dass wesentlich größer als die Hamburger Alster ist, hätte ich vielleicht mit meinen Kumpels zusammengelegt. Der See wird nun gerade mit Sand voll gepumpt und in den nächsten Monaten müssen ca. 4000 Familien ihre Häuser am See verlassen. In naher Zukunft soll dort eine Art Hochhaussiedlung entstehen. Für die Stadt bedeutet das nun auch, dass eine der letzten Überflutungsflächen zerstört wird und so wird die Überschwemmung ganzer Stadtteile in der Regenzeit in der zukunft vermutlich, auch wenn die Regierung mit dem Bau eines Kanalisationssystems dem vorbeugen will. Dass eine Regierung nun 4000 Leute einfach von ihren Grundstücken jagt ist ja nun so grausam es ist nichts, was man von Regierungen nicht grundsätzlich kennen würde. Mich überrascht allerdings immens, wie man in einer so häßlichen Stadt wie Phnom Penh eine der beiden schönen Stellen zerstören kann. Hier gibt es den Tonle Sap Fluß, der bei Phnom Penh in den Mekong mündet und an dem sich eine recht stattliche Promenade befindet. Neben dem See und einigen recht ansehnlichen Boulevards gibt es darüber hinaus nur noch große Straßen und Schmutz. Die Zuschüttung des Sees ist ungefähr vergleichbar mit der Betonierung der Hamburger Alster, um dort einen Parkplatz für die Europapassage zu errichten.
Ich befürchte, dass sich die Backpacker einen neuen Platz suchen können, während die Lebensgrundlagen der 4000 Familien wohl recht nachhaltig zerstört werden. Irgendwie ungerecht.

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