Archiv für den Monat Juli 2008

Mönche sind in der kambodschanischen Gesellschaft allseits anerkannte Respektspersonen.

Montag, 28. Juli 2008

Sie leben überall im Land in Wats und verdingen sich dabei als Bettelmönche. Wenn man durch die ländlichen Gebiete Kambodschas fährt, kann man äußerst häufig – teils prächtige – kleine Tempel sehen, die in vielen Fällen erst vor wenigen Jahren errichtet wurden, oder noch im Bau sind. Getragen werden die Wats von der Bevölkerung, die in der Umgebung lebt. Einmal täglich gehen die Mönche durch das Dorf oder die Stadt und sammeln Almosen ein. Früher gab man ihnen direkt Nahrungsmittel – vor allem Reis – und daran erinnert noch heute eine große Schüssel, die die Mönche mit sich tragen und in die ein jeder ein wenig gekochten Reis spendet. Wichtiger ist heute freilich die Spende von Geldbeträgen, die jenseits des symbolischen Aktes immer auch erfolgt. Im Austausch segnen die Mönche die Anwohner.
Anders als in Europa ist das Mönchtum hier keine Entscheidung, die in der Regel für das ganze Leben getroffen wird. Vielmehr ist es sehr weit verbreitet, dass junge Männer für einige Jahre in einen Wat eintreten und als Mönch leben. Nicht zuletzt wird das häufig aufgrund der ökonomischen Vorteile gemacht. In den Wats erhalten die jungen Leute Unterkunft, Kleidung, Essen und – besonders wichtig – eine Ausbildung. Daher ist dies gerade für arme Familien eine Möglichkeit die Famlienkasse zu entlasten und dabei noch die Chancen in der Zukunft zu verbessern.
Am Wochenende war ich in einem der ältesten Wats Phnom Penhs, im Wat Ounalom, der zugleich der bedeutendste ist, da hier das buddhistische Oberhaupt Kambodschas residiert. Zumeist sind solche Wats nun, sofern man schon einige davon gesehen hat, eher unspektakulär. Es gibt einige Stupas, in denen die Asche bedeutender Verstorbener aufbewahrt wird; ein paar Verwaltungs- und Wohngebäude und vor allem natürlich den Gebetsraum, in dem eine Buddhastatue steht. Diesen nun schloß mir im nämlichen Tempel ein Mann auf, über dessen Funktion ich mir unklaren bin: religiöses Oberhaupt oder Hausmeister - wer weiß das schon. Ein sehr kleiner Gebetsraum, der nur durch eine ca. 1,4 m hohe Tuer zu erreichen war, barg eine Buddhastatue, einige Kerzen und eine elektrische runde Flimmerbeleuchtung, die ein wenig an die in orientalischen Restaurants beliebten Wasserfallbilder erinnert, in denen eine hintergründige Beleuchtung den Eindruck vermitteln soll, dass das Wasser auf dem Bild fliesse. Nicht gerade, wie ich einen ernsten religiösen Kult aufziehen würde. Allerdings beherbergt dieser kleine Gebetsraum eine Augenbraue Buddhas, was ja schon eine tolle Sache ist und verständlich macht, dass der Wat als besonderes Heiligtum gilt.
Alsdann wurde ich vom Mann unbekannter Funktion noch mit einer Art Weihwasser gesegnet und für Freundlichkeit und Segnung brachte ich schließlich Buddha noch einen Dollar dar. Ob den nun der fragliche Mann oder Buddha in seine Tasche steckt, wissen nur die beiden.

Sonntag, 20. Juli 2008

Die Regenzeit beschert hier ein Wetter, das dem Hamburgs recht ähnlich ist: beständig ist nur die Unbeständigkeit und Vorhersagen sind unmöglich. Ob ein Regen nun eine Stunde oder einen Tag dauert, kann man nicht wissen. Eines allerdings gibt es: mehr Regen auf einmal. Heute kam ich daher zum ersten Mal in die Verlegenheit die Amphibienqualitäten meines Motorrades auzubrobieren. Nach erquicklichen Stunden im Pool- und Palmengarten eines Hotels packte mich die Sehnsucht nach meiner Wohnung, doch der Regen hielt mich in Schach. Nach einer Stunde des Wartens half kein Murren mehr und ich stürzte mich – glücklicherweise nicht im wörtlichen Sinne – mit dem Motorrad in die Fluten. Wasser von unten und von oben. Ich war stets in Angst, dass der Motor Wasser ansaugen könnte, da die Straßen teils mit ca. 30 cm Regenwasser überflutet waren; und das wird noch mehr wenn die SUVs einen ordentlichen Wellengang produzieren. 30 – 40 cm Wasser scheinen also für das Motorrad noch verkraftbar zu sein. Eines darf man bei solche einer Spritztour freilich nicht tun – darüber nachdenken, was einem da für eine Jauche wohlig warm gegen das Bein schlägt. Hier gibt es so manches stinkendes Abwasserrinsal, das man ohne Regen ganz gut umgehen kann. Mit dem Regen stinkt es zwar weniger, dafür ist es dann überall…

Nationalismus ist ja stets und überall eine verrückte Sache.

Sonntag, 20. Juli 2008

Welche Dynamik derselbe nimmt lässt sich derzeit in Kambodscha gründlich studieren. An der Grenze zu Thailand nämlich befindet sich der Prea Vihear Tempel, der vergangene Woche von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt worden ist. Das Problem ist nun, wie könnte es anders sein, dass sowohl Thailand als auch Kambodscha den Tempel als ihr ureigenstes Kulturgut ansehen. In diesem Konflikt steht Kambodscha indessen besser da, da der Internationale Gerichtshof 1962 den Tempel dem Gebiet Kambodschas zugerkannt hat. Vor dem Hintergrund, dass die Grenzfrage damit in gewisser Hinsicht geklärt ist, hatte die thailändische Regierung den UNESCO-Antrag Kambodschas zunächst unterstützt; zur Unzufriedenheit großer Bevölkerungsteile, die ihren Tempel nicht ohne weiteres aufgeben wollen. Diesen Stimmen gibt man in Thailand nun nach, wenn man Militär im Grenzgebiet zusammenzieht. Aber auch in Kambodscha scheint eine gewisse Eskalation des Konflikts in Ansehung der bevorstehenden Wahlen der Regierung nicht unlieb zu kommen. Im Falle militärischer Konflikte ist es ja fast immer die bestehende Regierung, die – wenn sie nur hinreichend autoritär ist – in ihrer Position gesichert wird.
Die Folgen im ganzen Land sind nun, dass der Unmut, um nicht zu sagen Hass, auf die Thailänder entfacht wird. Gerüchte kursieren, wonach die Thailänder das Essen in den Restaurants vergiften, um den Kambodschanern zu schaden; die Botschaft ist klar: boykottiert das Business der Thailänder. Vor der thailändischen Botschaft stehen schon Wachleute mit Maschinenpistolen und die Angst vor Übergriffen auf Thailänder in Kambodscha ist berechtigt. Bereits vor einigen Jahren gab aus einem mir bislang noch verborgen gebliebenen Anlass landesweite Übergriffe gegen Thais.
Nunmehr stehen sich also an der Grenze einige hunderte Soldaten gegenüber, die die Gewehre im Anschlag halten und der Dinge harren, die da kommen mögen. Gerüchteweise habe ich gehört, dass die kambodschanische Armee ihren einzigen Panzer auch gleich mitgebracht hat, die Thais dafür ihre acht Panzer.

Insgesamt will es mir scheinen, als säßen Klischees und Vorurteile viel fester, als man das aus dem Europa dieser Tage gewöhnt ist. Der Nationalismus ist damit im Vergleich zu dem der dieser Tage allgegenwärtigen Jubeldeutschen weithin altmodischer. Dabei sind die Hauptfeinde freilich die Nachbarn, und an erster Stelle stehen gar nicht die Thais, sonder die Vietnamesen. Einst fragte ich einen kambodschanischen Arbeitskollegen, wie er denn das Verhältnis Kambodschas zu Vietnam einschätze und seine Antwort bestand in einer frappierenden Anekdote. Und die geht so: die Vietamesen nehmen sich einige Kambodschaner und graben sie in den Boden ein, so dass nur noch der Kopf aus dem Boden herausschaut. Und, was machen sie dann? Ja richtig, sie entfachen auf und mit den Köpfen der Kambodschaner ein Feuer um sich darauf ihr Teewasser zu bereiten. Und nochmal, das war nicht die Antwort auf die Frage, welche Kriegsgräuel von den Vietnamesen möglicherweise einmal verübt worden sind, sondern die nach den heutigen Beziehungen. Als ich die Geschichte daraufhin hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit hinterfragte, schien auch recht deutlich, dass die Faktenlage noch einigen Spielraum für weitere Nachforschungen lässt. Die Referenz für die Glaubwürdigkeit war schlicht, dass jeder diese Geschichte kenne und sie für wahr halte, allen voran der geschätzte Vater. Es sei nur am Rande erwähnt, dass es sich bei meinem Gesprächspartner nicht um einen engstirnigen Dorfbewohner handelte, der noch nichts von der Welt mitbekommen hat. Nein, es war ein junger, aufgeschlossener und gescheiter Student, der das sagte.
Die Liste der Feinschaften und Vorurteil gegen Vietnamesen ließe sich hier noch erheblich ausbauen, nicht zuletzt sind ja auch alle Prostituierten aus Vietnam, da eine ordentliche Khmer-Dame sich auf so etwas niemals einlassen würde.
Verrückt ist es allemal, wie durch den Nationalismus der Urheber für das eigene Elend außerhalb des eigenen Landes gesucht wird. Stets sind es die Thais, die den Kambodschanern vorschreiben wollen, wo es lang geht; sind es die vietnamesischen Prostituierten, die für den moralischen Verfall verantwortlich sind; sind es die chinesischen und koreanischen Geschäftsleute, die für den Ausverkauf des Landes verantwortlich sind. Zumindest im letzten Fall stimmt diese Einschätzung zwar zum Teil. Es ist ein großes Problem, dass die Ländereien den lokalen Bauern für lächerliche Beträge (mit oder ohne Zwang) abgekauft werden und dann alsbald für den 10-fachen Preis wieder verkauft werden. Unsinn ist es aber, dafür allein ausländische Spekulanten verantwortlich zu machen, und dann brav die CPP wählen zu gehen, die doch gerade solche Geschäfte ermöglicht, wenn nur genug inoffizielles Geld fließt.

Kambodscha vor der Wahl

Dienstag, 15. Juli 2008

In Kambodscha wird am 27. Juli diesen Jahres zum 3. Mal seit der UN-Mission in den 1990er Jahren das Parlament gewählt. Obwohl einige Parteien hier scheinbar friedlich nebeneinander Wahlkampf betreiben und unermüdlich mit Lautsprecherautos wie -mopeds durch die Stadt ziehen, muss man die Stimmung aber wohl doch als zumindest hintergründig angespannt beschreiben. Viele Menschen haben Angst, dass es zu einem erneuten Bürgerkrieg kommen könnte. Zum Wahltag, so empfahlen mir meine Vermieter, solle ich lieber zu Hause bleiben, da die Gefahr von Ausschreitungen bestünde. Einige wenige wollen gar die Phnom Penh verlassen. Ich persönlich halte all diese Vorsichtsmaßnahmen eher – auch aus anderen Erfahrungen mit der den Menschen hier eigenen Übervorsichtigkeit – für übertrieben und eher vergleichbar mit den Ladenbesitzern der ostdeutschen Kleinstädte, die bei einer Antifademo die Fensterscheiben aus Angst vor den Chaoten vernageln. Aber der politische Hintergrund ist hier freilich ein anderer. Immerhin hat es v.a. in den 90er Jahren vielfach Ausschreitungen gegeben. Nicht zuletzt verantwortlich für die alten und neuen politischen Unruhen ist der Premierminister Hun Sen. Dessen Cambodian Peoples Party (CPP) war bei den 1993 von den UN abgehaltenen Wahlen nur zweitstärkste Kraft geworden und trotzdem hatte er sich durch die Konstruktion einer Doppelspitze den Posten des »zweiten Premierministers« gesichert. 1997 schließlich putschte er den ersten Premier Prinz Ranariddh von seinem Posten und reagiert seitdem als alleiniger Premier. In diesen Jahren kam es auch vielfach zu politischen Morden, Ausschreitungen und dergleichen.

An all das muss nun freilich denken, wenn Hun Sen die Wähler auf die Wahl der CPP einschwört. “If I lose (and there is instability) you might have to flee the country,” sagte er vor internationalen Wirtschaftsvertretern. Uns wer nun derzeit allein die Macht im Land hat und politische Instabilität erzeugen könnte, ist ganz offensichtlich – das ist allein Hun Sen. Insofern verstehen die Menschen hier solche Äußerungen schon als offensichtliche Drohung und ziehen vielfach den von Hun Sen gewünschten Schluß daraus. Ich sprach mit einer Frau, die eigentlich eine andere Partei bevorzugte, die aber meinte, dass sie aus Angst vor politischer Instabilität vielleicht auch die CPC wählen würde. Das scheint wohl letztlich auch die bestechende Qualität dieser Regierung zu sein. Sie hält alles in einer Hand erzeugt dadurch politische Stabilität. Klar, denn die wird ja gebraucht, wenn man Entwicklungshilfe und Investitionen internationaler Konzerne abgreifen möchte. Angesichts dieser Situation bezweifelt hier niemand ernsthaft, dass die CPP die Wahl unangefochten gewinnen wird.

Besorgniserregend ist dazu, dass am vergangenen Freitag ein Journalist der oppositionellen Zeitung Moneaseka Khmer auf offener Straße mitsamt seinem Sohn erschossen worden ist. Zuletzt hatte diese Zeitung einen Artikel veröffentlicht, in dem dem heutigen Außenminister Verbindungen zum Khmer Rouge Regime vorgeworfen wurden. Ohne das hier im einzelnen überprüfen zu wollen oder zu können, so ist das Faktum, dass viele der heute Mächtigen früher bei den Khmer Rouge waren, allseits bekannt. Hun Sen selbst war bis 1977, als er nach Vietnam floh, Regimentskommandeur der Streitkräfte der Roten Khmer. Das Außenministerium baute dann zunächst Druck auf die Zeitung auf und schließlich wurde gar der Herausgeber verhaftet. Unterdessen ist der zwar wieder aus der Haft entlassen worden; dass nun ein Redakteur derselben Zeitung in solch engem zeitlichen Zusammenhang einem Attentat zum Opfer fällt, sehen hier aber viele nicht als Zufall an. Kambodschaner, die in regierungskritischen Organisationen arbeiten, dürfte das verängstigen. Viele Kambodschaner sind ohnehin nicht mutig, was es angeht, sich in Widerspruch zur Regierungslinie zu setzen. Diese Haltung wird nunmehr bekräftigt und es zeigt sich auch, dass sie wahrscheinlich noch immer eine durchaus verständliche Reaktion auf die politische Realität im Land ist.

»Raus aus der City, rauf auf den Bock, raus der Gesellschaft rein in den Rock!«

Sonntag, 13. Juli 2008

Ja, diesen Leitsatz aus dem geschätzten Hamburger Film Rollo Aller hätte ich doch gerne zur Maxime aller meiner Handlungen gemacht. Ein altes knatterndes Moped, wehende Haare im Wind und eine Bierdose in der Hand. Mopedkauf stand daher dieses Wochenende auf dem Programm. Ich dachte eine schöne alte Rundlicht-Honda Super Cub würde mir möglicherweise ganz gut zu Gesichte stehen. Mit dieser Idee hatte ich bei meinem kambodschanischen Kollegen, den ich in meine Mopedsuche einzubinden suchte, eher Unverständnis ausgelöst. Diese Modelle seien Motorräder für Frauen und was ich brauche, sei ein richtiges »Man-Motorbike«. Aha, ein Man-Motorbike also. Letztlich sah er dann aber ein, dass Man-Motorikes nur was für richtige Mans sind und da gibt er sich ganz offenbar mehr Mühe drum als ich und so gibt es nur einen von uns der ein Man-Motorbike braucht. Für mich ging es dann also doch los auf die Suche nach einem altertümliches Knatterungetüm.
Nun stellte sich freilich heraus, dass alles Schöne in Kambodscha für mich unerreichbar ist. 1000-1300 US $ kostet ein Motorrad, wie ich es mir wünsche, in akzeptablen Zustand – und das nicht weil ich als Europäer ungeheuer reich aussehe, sondern weil das der richtige Preis ist. Das scheint mir für ein 8-12 Jahre altes Fahrzeug allerdings ein wenig fragwürdig zu sein. Daher wurde die Anschaffung des Motorbikes kurzerhand abgesagt.
Der Protagonist im eingangs erwähnten Film stand übrigens genau vor demselben Problem. Auch er hat »keine Kohle für den Ofen« (allerdings deshalb, weil er auf der Arbeit einen Kollegen vertrimmt und in der Folge seinen Job verloren hat.) Im Fortgang der Ereignisse »zieht er sich die Mühle einfach selbst«, eine Konsequenz vor der ich nach reiflicher Überlegung Abstand genommen habe.)
Folglich führte mich mein Weg direkt in einen Mopedverleiht und von dort in den kambodschanischen Traum – Honda Dream heißt das angesagte Moped, dass hier viele ersehnen. Ich habe es mir geliehen und kann mich doch auf dem neumodischen Plastemoped einfach nicht richtig wohl fühlen. Das einzig Gute ist, dass man sich auf dem Moped ebenso wie im sonstigen Leben - wenn Spiegel nicht im Spiel sind - selbst nicht sieht. Man muss also nur vergessen, wie albern man auf dem ollen Plastemotorbike aussieht und schon kann man sich auf das Hupen und Motoraufheulenlassen konzentrieren.

Rollo Aller auf Youtube:
http://www.youtube.com/watch?v=dRPDQN8uTdc

Street Creds II

Dienstag, 08. Juli 2008

Nachdem ich vor einigen Wochen bereits begeistert auf die Kreuzung des Mao Tse Tung Boulevards mit der Rue de l‘Union Europeênn gestoßen bin, sind mir nun noch einige andere Perlen des Phnom Penher Straßennetzes aufgefallen.
Wenn auch recht altmodisch, so aber doch noch vergleichsweise unverfänglich kommt der Tchecoslovaquie Boulevard daher. Die Tschechoslowakei gibt es ja nun auch schon 15 Jahre nicht mehr, aber gut. Immerhin ungefähr genauso lang lebt ja auch Kim Il Sung schon nicht mehr und auch dessen Gedenken hat man sich in Phnom Penh verschrieben; der allseits beliebte Menschenfreund und nordkoreanische Diktator hat hier seinen eigenen Boulevard, der dann in den Mao Tse Tung Boulevard übergeht.
Darüberhinaus findet sich mit dem George Dimitrov Boulevard auch eine Reminiszens an den großen bulgarischen Politiker und Theoretiker (»Faschismus ist die offen terroristische Diktatur der reaktionärsten und chauvinistischsten Elemente des Finanzkapitals«) – Georgi Dimitrow.

Sihanoukville – »I‘m so over it!«

Dienstag, 08. Juli 2008

Wenn ich im Folgenden zu einer Schmährede auf Kambodschas zweitgrößte Stadt anhebe, so muss man den Erwartungsrahmen, den ich meinem Besuch zugrunde legte, vielleicht voranstellen, um das Bild nicht zu arg zu verzerren. Ich dachte mir, dass in Kambodschas einzigem Strandband bestimmt der Bär toben würde, und wenn das nicht, dann sollten doch zumindest alte Kolonialvillen an einer Strandpromenade mit morbiden Charme den Glanz erzeugen, den die Ostsee nicht hat. Aber Pustekuchen. Die Ostsee hat natürlich mehr Kolonialvillen als Sihanoukville, auch wenn sie streng genommen freilich gar keine hat.
Dem Besucher Sihanoukvilles sei also angeraten, keine Stadt, sondern nur Strand zu erwarten und sich von eben jenem bestenfalls auch nicht mehr als zweihundert Meter zu entfernen. Wer es dennoch tut wird lange, spärlich bebaute Straßen entlang laufen müssen und sich des Eindrucks nicht erwehren können, in einem flächenmäßig riesigen Straßendorf gefangen sein und nun – vergleichbar dem Sisyphos mit seiner ollen Kugel – für immer zum Abschreiten der Straße verdammt zu sein. Nicht dass, es nur eine Straße gebe, nein, es gibt viele, aber diese sind so lang, dass die Stadt kein Ende nehmen will. Der Stadteindruck ist der einer amerikanischen Kleinstadt, in der Tankstelle, Einkaufsmarkt und Cartbahn das soziale Zentrum abgeben.
Nun hat Sihanoukville aber durchaus noch mehr zu bieten. Es verfügt über eine sehr stark ausgeprägt touristische Infrastruktur, viele Hotels, Restaurants und Guesthouses. Alles aber ist ohne Zusammenhang und verliert sich in der Weite der Stadt. Will nicht mal eine großstädtische Atmosphäre aufkommen, so doch auch keine von Gemütlichkeit. Dazu ist gerade auch Nebensaison und so sind kaum Touristen in der Stadt und all die leeren Bars und Restaurants wirken dadurch um so trister.
Was macht man also an solch einem Ort. Nun, mir war die Entscheidung dieser Frage durch meine Reisebegleiter/innen aus der Hand genommen. Die kambodschanischen Damen, die mein Nachbar von seinem Tanztraining her kennt, hatten nämlich recht konkrete Vorstellungen davon, wie ein Wochenende in Sihanoukville auszusehen hat. An vielen Stellen wären das nicht meine ersten Ideen gewesen, aber es war interessant, dem einmal beiwohnen zu dürfen. Verquer fand ich schon die Wahl des Guesthouses. Mir schiene doch ein Bungalow am Strand, am besten mit Hängematte, der Platz, den man zum Ausgangspunkt aller seiner Unternehmungen erküren sollte. Wir dagegen wohnten in einer Anlage, die ziemlich genau wie ein amerikanisches Motel aufgebaut war. Die einzelnen Zimmer gingen von einem tristen, betonierten Hof ab und wurden kaum durch einen Strahl Tageslicht augehellt. Aber gut, wenigstens waren sie nicht bis unter die Decke gefliest. Bei der Restaurantwahl ging es weiter; ich wollte mich als Gast nicht in den Vordergrund spielen und so sollte ich am ganzen Wochenende kaum etwas anderes als Glutamat-fried Vegetables zu Gesicht bekommen. Und weiter die Tagesgestaltung: hier ist es kambodschanische Sitte, dass man nach einer Spazierfahrt mit dem Motorrad eine Hütte oder einen Tisch in einem Unterstand am Strand bezieht und dort im wahrsten Sinne des Wortes abhängt. Es wird gegessen, mit dem Mobiltelefon hantiert oder Popsongs über dessen blechern schallenden Lautsprecher abgespielt und gerne werden auch gestellte Fotos mit zementiertem Lächeln aufgenommen, die man dann ausgiebig auswertet und herumzeigt. Das ist weder meine Vorstellung eines gelungenen Tages noch war es die meines Nachbarn, der noch des öfteren sagen sollte: »I‘m so over it!«
Schlußendlich legte sich Sihanoukville dann am letzten Tag aber nochmal ordentlich ins Zeug, um mich versöhnlich zu stimmen. Dort ist es nämlich wie in jeder anderen amerikanischen Provinzstadt auch: sie wird schön, wenn man dort nicht wohnen muss und in angemessener Geschwindigkeit mit einem Kraftfahrzeug durch die Landen zieht. Dann verdichten sich nämlich die Eindrücke derart, dass die Umgebung am Ende einen gewissen Glanz erhält und man gar denkt, dass es so schlecht dann auch wieder nicht sei. Und es ist wohl auch nicht so schlecht, man darf nur nicht den Versuch unternehmen auch nur einen Meter zu Fuß zurückzulegen. (Ein Fehler übrigens, den kaum ein Kambodschaner jemals begehen würde.)

Strand, Straße und größte Attraktion der Stadt - die Löwenstatue