Cambodian Transport

14. Oktober 2008



Geist und Kambodscha

14. Oktober 2008

Dass in Kambodscha der Glaube an diverse Geister eine ganz große Nummer ist, dürfte nicht überraschen, wer in dem Land eine kurze Zeit verbracht hat. Überall stehen die kleinen, auf einem Pfahl aufgebockten Häuschen, die den Geistern aus Boden und Luft als Wohnstatt dargeboten werden. Die Geister lebten einstmals auf den Bäumen oder im Erdreich. Klar werden die böse, wenn man die Bäume fällt oder ein Haus auf dem Boden errichtet. Gibt ihnen aber ein kleines Geisterhäuschen, in dem sie es sich gemütlich machen können, dann sieht die Welt doch gleich wieder ganz anders aus. Auch für das leibliche Wohl der Geister wird von den Usurpatoren des Landes freilich gesorgt. Bananenstauden, Cola oder Fanta, Curry oder Reis, manchmal gar Schnapps und Zigaretten scheinen nach dem Geschmack der Geister zu sein.
Erst vor kurzem ging einer der bedeutendsten Feiertage in Kambodscha zu Ende: Chum Benh. Dieser Feiertag ist eigentlich kein Feiertag, sondern ein halber Feiermonat, da das Fest über einen halben Monat hin währt, und am Ende einen Kulminationspunkt hat, an dem alle zu ihren Familien fahren und der Toten gedenken. Freilich geht man abends besser nicht mehr raus, da die Geister der Toten draußen herumschwirren und auch sonst sorgt das Geisterwesen während Chum Benh bei manchen für eine vorübergehende seelische Zerrüttung.
Inwieweit nun der Geist aber auch in die kambodschanischen Gesetze Einzug gehalten hat, erfuhr ich erst unlängst als ich vor lauter Verdruss die kambodschanische Strafprozessordnung bis zum Ende durchblätterte. Dort findet sich nämlich am Ende ein Schwur, der von Zeugen aufgesagt werden muss, die vereidigt werden sollen. Die Geister erhalten eine Art Funktionszuwachs und sollen nun auch die Lügner vor dem Herr – äh dem Gericht – zur Strecke bringen. Die glorreiche Eidesformel lautet in Englischer Übersetzung:
»I will answer only the truth, in accordance with what I have personally seen, heard, know, and remember.
If I answer falsely on any issue, may all the guardian angels, forest guardians and powerful sacred spirits destroy me, may my material possessions be destroyed, and may I die a miserable and violent death. But, if I answer truthfully, may the sacred spirits assist me in having abundant material possessions and living in peace and happiness along with my family and relatives forever, in all my reincarnations.«

14. Oktober 2008

So manches Mal fühlt man sich in Phnom Penh, wie auch in anderen ehemaligen Kolonialgebieten eines: nämlich sehr kolonialistisch. Das liegt vor allem daran, dass man sich immer in Plätzen herumtreibt, die nur von Ausländern, also scheinbar den neuen Kolonialherren und -damen bevölkert werden. Man findet die alten Kolonialbauten schöner als die alten Häuser im chinesischen Stil und gleich erst recht als die in neuer chinesischer Manier. Und doch muss man sagen, dass an all dieser Neo-Kolonialismus Überlegung eigentlich nichts dran ist. Die eigentlich reichen Leute in – Kambodscha jedenfalls sind nicht die tausenden NGO- und UN-Angestellten, die ihre 2000 $, oder wenn sie sehr viel verdienen 10.000 $ pro Monat nach Hause tragen. Kaum einer von denen hat ein Auto, wie einen der großen neuen Wagen, von denen man hier an jeder Ecke fünf sieht. Kaum einer geht in einen mittelmäßigen Disco-Club und gibt dort 500 $ pro Besuch um in den Genuss der Vorteile der Gold-Membership-Card zu gelangen.
Nun muss man natürlich eingestehen, dass solch borniertes Protzertum auch bei vielen sog. westlichen Reichen einfach nicht so hoch im Kurse steht wie es definitiv in Asien der Fall ist. Dennoch ist es offensichtlich, dass man nach den richtig Reichen in Kambodscha nicht allein nach den Ausländern schauen muss. Richtig reich sind natürlich die ausländischen Investoren, aber eben ganz sicher auch diejenigen Locals, die in Positionen sind, um sich von den Investitionen eine  Scheibe abzuschneiden. Dass man die in den Läden, in die man geht, nicht trifft, liegt daran, dass die in solch kleinbürgerliche Etablissements nicht gehen würden und dann natürlich auch an ihrem unglaublich schlechten Geschmack: neonbeleuchtete Karaokebars mit einem Hostessenspalier am Eingang und angeschlossenen Hinterzimmern.

Der Tokai

14. Oktober 2008

Tokais sind große Gekkos, also Echsen, die überall in Asien leben. Während der gemeine Gekko so ca. 10 cm groß wird, nur ab und an leise Schnattergeräusche von sich gibt und im Allgemeinen recht scheu ist, werde die Tokais durchaus stattliche 30 cm lang. Vor allem abends geben sie einen Ruf von sich, der so manchen schon an eine Bahnhofsansage erinnert haben soll: Tokai – Tokai, vorbereitet von einer Art Glucksen. Fast jedes Haus in Kambodscha verfügt über seinen eigenen Tokai und erst unlängst konnte ich den an meinem Haus entdecken. Unmittelbar hinter dem Treppenaufgang in der Holzwand des Nachbarhauses lebt der Tokai und hat dort sogar eine stattliche Portion an Eiern abgelegt. Unlängst konnte ich sogar sehen, wie ein kleiner Tokai aus einem solchen geschlüpft ist.

Koh Kong

24. September 2008

An der Grenze Kambodschas zu Thailand befindet sich die möglicherweise schönste Provinz Kambodschas – Koh Kong. Dieser Teil des Landes war lange Zeit infrastrukturell an Thailand angeschlossen, da man ihn einzig von Thailand mit einem passablen Aufwand erreichen konnte. In Thailand schafft man es ganz generell die Infrastruktur auf einem hohen Standard zu halten und so sind auch die meisten entlegenen Teile des Landes auf guten Straßen erreichbar. Anders in Kambodscha. Von Phnom Penh war Koh Kong bis vor kurzem nur über eine Staubpiste erreichbar, auf der die Fahrt in der Regenzeit zu einer Schlammschlacht wurde. Auch mussten vier breite Flüsse mit Fähren überquert werden und so dauerte eine Fahrt von Phnom Penh nach Koh Kong ca. 8-10 Stunden. Mein Besuch in Koh Kong fiel nun glücklicherweise in eine Zeit, da die Verkehrsverbindung gerade gleichsam auf dem Zenit steht. Die Brücken sind errichtet und noch nicht wieder eingestürzt; die Straße ist nur an wenigen Stellen von Erdrutschen bedeckt und auch gibt es 40 cm tiefe Schlaglöcher nur an einigen Stellen. Man mag zwar befürchten, dass das bald ganz anders aussieht, aber egal – vorerst gab es eine gute Busverbindung.
Einer der ersten amtlichen Schritte in Koh Kong ist für viele und so auch für mich die Verlängerung des Visums. Hierfür fährt man mit dem Moped zur Grenze, bekommt seine Stempel, läuft nach Thailand und muss dann einen 10-minütigen Aufenthalt im Grenzort absolvieren ehe einen die thailändischen Grenzbeamten wieder ausreisen lassen. Einmal in Thailand hat man wirklich das Gefühl einen Schritt in die Zivilisation zu vollziehen. Es gibt richtige Geschäfte, die in richtigen Häusern Waren aus richtigen Regalen anbieten. Die Straßen sind ordentlich, es gibt sogar Mülltonnen, die Grenzbeamten betreiben keine offensichtliche Korruption und selbst die Soldaten mit ihren Maschinengewehren nicken einem freundlich zu. Alles scheint das Gegenteil zu Kambodscha zu sein, zumindest im unmittelbaren Gegensatz der beiden Grenzorte.
Auf der kambodschanischen Seite hat man einen Unsympathen im Grenzerhäuschen sitzen, der sich alle Mühe gibt, alle phänotypischen Stereotype für einen korrupten Beamten zu erfüllen. Er trägt ein weit aufgeknöpftes Hemd, Golduhr und Goldring und verlangt für das Visum, das normalerweise 20 US$ kostet kurzerhand 35 US$ von jedem. Da hilft kein Verhandeln, kein Drohen damit, dass man einflussreiche Freunde hat – es gibt hier gewissermaßen einen offiziellen inoffiziellen Tarif für das Visum. D.h., vielleicht hülfe es am Ende gar doch, aber die ersparten 15 $ kosteten einen dann ca. einen halben Tag Verhandlung. So bezahlt doch lieber jeder die Zeche der Grenzer. Wahrlich verübeln kann man den Beamten ja nun nicht, dass sie ihren Unterhalt von ca. 25 US$ monatlich aufbessern. Allerdings scheint mir der Tarif von 15 US$ pro Reisendem doch ein wenig hoch angesetzt und er dürfte letztlich vor allem den in der Hierarchie weiter oben stehenden zu Gute kommen. Polizist wird man nämlich in Kambodscha in erster Linie dadurch, dass man sich eine Uniform kauft. Diese kostet ab 1000 US$ und es ist klar, dass die Uniform eine Investition ist, die sich gefälligst zu amortisieren hat. Wer aufsteigen will, zahlt für den neuen Dienstgrad und bekommt dafür ein größeres Stück vom Kuchen.
Kambodscha hat nun in dieser Region aber durchaus weithin mehr zu bieten als unsympathische Grenzbeamte. Hier beginnt zum Beispiel das Kardamommgebirge, ein gänzlich entlegenes und unerschlossenes Gebiet in dem sich Südostasiens größter zusammenhängender Urwald befindet. Hier gibt es Elefanten, Tiger, Krokodile – um nur die spektakulärsten Tiere zu nennen und somit zugleich auch die, die man niemals zu Gesicht bekommen wird.
Was liegt also in dieser Gegend näher als direkt im Dschungel zu übernachten? In einer ganz fantastischen Anlage von wenigen Bungalows kann man in der Nähe Koh Kongs in kleinen Bungalows direkt im Urwald wohnen. Die Anlage ist nur mit dem Boot zu erreichen und verfügt nur über eine Handvoll Räume. Dieses Wochenende waren meine Begleitung und ich die einzigen Gäste und konnten bei fantastischem Menu und ebensolchem Ausblick auf einen sich durch den Urwald windenden Fluss das Leben im unwirtlichen Dschungel uns doch recht annehmlich sein lassen.

Unterwegs im Disco Bus.

Guesthouse im Dschung

Dschungelwanderung

In der Bildmitte: einer der im Dschungel omnipräsenten Blutegel, die das Bein hochlaufen und sich an Beinen und Händen festsauen.

Ein junger Leguan, der später mal ca. einen Meter groß wird, sonnt sich am Bungalow.

Eine Spinne hat ein ca. 1qm großes Netz an unserem Bungalow aufgehänt.

Die Vertreibung der Backpacker

22. September 2008

Backpacker sind eine Plage. Sie sind ranzige Leute, die Bier trinken, stillos aussehen und dabei noch alle mit ihrer Bierseeligkeit affizieren wollen. Backpacker sind objektiv schlecht. Das merkwürdige ist allerdings, dass sich diese objektive Schlechtigkeit gar nicht aus irgendeiner einzelnen Eigenschaft herleitet – weder gegen Biertrinken, noch gegen Verschwitztsein nach einer langen Reise lässt sich ein Argument aufbieten, das jenseits von Koketterie Bestand haben könnte. Und dass einer einen Rucksack trägt – also ein Backpacker ist – das kann man wahrhaft niemanden vorwerfen, jedenfalls nicht in dem Land, dass sich gegen Rollkoffer verschworen hat, indem die Fußwege uneben und mit Unrat verstellt sind.
Merkwürdigerweise ist es nun aber auch nicht ein bestimmtes Bündel an Eigenschaften, das dem Backpacker an und für sich eignet. Backpacker sind einfach da und man weiß, wenn man einen trifft.
Zugegebenermaßen besonders einfach ist die Identifikation in den Fällen, in denen die Backpacker ihre allseits beliebten Motto-Shirts tragen. Angeführt wird die Mottohitliste von dem albernen T-Shirt, auf dem vorne »Same, Same« und hinten »but different« steht. Da frage ich mich, ob diese Hanswürste wirklich glauben, dass sie »but different« wären. Ich bezweifele aber, dass sie überhaupt über den Sinn des T-Shirts nachgedacht haben. Wahrscheinlich mussten sie es einfach kaufen, da auch die anderen Backpacker es schon hatten. Man sollte ihnen daher lieber eine Kluft verpassen, auf der »same same – but same« geschrieben steht.
Ebenfalls ein gerne gewähltes Ausstattungselement des an und für sichseinenden Backpackers ist die Wandergitarre. Nun wäre gegen einen virtuosen Gitarrenspieler keineswegs etwas einzuwenden. Der könnte recht gerne neben meinem Tisch stehend ein Ständchen zum Besten geben. Indessen zeichnet es den gitarrespielenden Backpacker gerade aus, dass er nicht Gitarre spielen kann. Er stümpert in aller Öffentlichkeit ein paar schräge Akkorde zusammen, ohne vorher in der Lage gewesen zu sein, die Gitarre zustimmen. Wenn es ganz schlimm kommt, wird auch noch versucht zu singen. Ich kann das einfach nicht verstehen! Bevor man mit einem Instrument in der Öffentlichkeit Lärm emittiert, hat man doch zumindest einmal geübt; und wenn man trotz Übens einfache Akkorde nicht in einmal mittelmäßig erklingen lassen kann, dann könnte man doch so ehrlich zu sich selbst sein und sich lieber ein anderes Hobby suchen. Ich würde Seidenmalen vorschlagen, das ist wenigstens leise.
Das wahrlich hässlichste Merkmal eines Backpackers, das bei mir nach ca. 5-monatiger Exposition unkontrollierte Aggressionen erzeugt, ist der Vollbart, den sich eine Vielzahl junger Herren wachsen lässt. Unter Insidern wird die Anwesenheitsquote solcher Backpacker auch als Jesusfaktor bezeichnet, da Sandalen, Länge der Haare und auch das sonstige Erscheinungsbild ungefähr dem landläufigen Klischee über des Herrn Jesus Aussehen entsprechen. Ein Stigma ist indessen noch an keinem der hier wandelnden Bartträger entdeckt worden.
Am schlimmsten ist nun aber eigentlich, wenn diese Menschen auf einem Haufen zusammenkommen. Zentren gibt es da überall auf der Welt, besonders verstärkt aber in den »exotischen« und billigen Reiseländern Südostasiens. So gibt es beispielsweise in Bangkok die berüchtigte Khao San Road – eine ganze Reeperbahn nur mit Backpackern. Das kann einem schon die Laune verderben.
In Phnom Penh liegt das Zentrum der Backpacker am Boeng Kak Lake, der trotz ihrer Anwesenheit zu den schönsten Stellen der Stadt gehört. Die Backpacker machen es sich hier ab 2 US $ pro Nacht in einfachen, über Stelzen auf dem See gebauten Hütten gemütlich und trinken bei lange währender Happy Hour ihre Biere.
Man möge mir nachsehen, dass ich von einer negativen Phänomenologie des Backpackers zu einem etwas ernsthafteren Thema übergehe. Am Schicksal dieses Sees lässt sich nämlich in Phnom Penh gerade verfolgen, was hier landesweit mit vielen Menschen geschieht. Sie werden auf grausame Weise von ihrem Land vertrieben und mit einem lachhaften Betrag entschädigt. Das Gebiet des Sees ist nämlich unlängst an einen koreanischen Investor verkauft worden. Ach nein, stimmt gar nicht. Es ist für die nächsten 99 Jahre verpachtet worden und das für den lachhaften Betrag von 100 Millionen US $. Nicht das ich gerade soviel auf Tasche hätte, aber für ein Gelände, dass wesentlich größer als die Hamburger Alster ist, hätte ich vielleicht mit meinen Kumpels zusammengelegt. Der See wird nun gerade mit Sand voll gepumpt und in den nächsten Monaten müssen ca. 4000 Familien ihre Häuser am See verlassen. In naher Zukunft soll dort eine Art Hochhaussiedlung entstehen. Für die Stadt bedeutet das nun auch, dass eine der letzten Überflutungsflächen zerstört wird und so wird die Überschwemmung ganzer Stadtteile in der Regenzeit in der zukunft vermutlich, auch wenn die Regierung mit dem Bau eines Kanalisationssystems dem vorbeugen will. Dass eine Regierung nun 4000 Leute einfach von ihren Grundstücken jagt ist ja nun so grausam es ist nichts, was man von Regierungen nicht grundsätzlich kennen würde. Mich überrascht allerdings immens, wie man in einer so häßlichen Stadt wie Phnom Penh eine der beiden schönen Stellen zerstören kann. Hier gibt es den Tonle Sap Fluß, der bei Phnom Penh in den Mekong mündet und an dem sich eine recht stattliche Promenade befindet. Neben dem See und einigen recht ansehnlichen Boulevards gibt es darüber hinaus nur noch große Straßen und Schmutz. Die Zuschüttung des Sees ist ungefähr vergleichbar mit der Betonierung der Hamburger Alster, um dort einen Parkplatz für die Europapassage zu errichten.
Ich befürchte, dass sich die Backpacker einen neuen Platz suchen können, während die Lebensgrundlagen der 4000 Familien wohl recht nachhaltig zerstört werden. Irgendwie ungerecht.

Phnom Penh - ein Dorf.

22. September 2008

Leer, ruhig und entspannt – das wäre nicht gerade die erste Charakterisierung, die mir für Phnom einfiele. Vielmehr würde ich sagen, dass Phnom Penh relativ viel von dem hat, was allen mir bekannten asiatischen Großstädten eignet. Sie sind laut, voll, schmutzig und wenn man sich eine Zeit lang dort aufhält, hat man irgendwann das Gefühl, dass sich eine fiese Schicht aus Feinstaub über die Innenseiten der Organe zieht; so fies, dass ich den generellen Vorsatz gefasst habe, nur noch mit Staubmaske Motorrad oder Fahrrad zu fahren. Mit etwas freundlicheren Worten könnte man aber auch sagen, dass Phnom Penh lebhaft, turbulent und dabei auch etwas stickig ist.
Dass nun für manche Phnom Penh nun eben doch nicht genug der asiatischen Großstadt ist, durfte ich unlängst in meinem Stamminder erfahren, der gleich um die Ecke liegt und über den noch Streit besteht, ob er das beste oder nur das Zweibeste indische Essen der außerindischen, bislang erfahrenen Welt herstellt. In diesem Inder nun tummeln sich stets einige indische Geschäftsleute, die theoretisch gar nicht zu Geschäften irgendeiner Art kommen können, da sie immer im nämlichen Restaurant sitzen, wenn ich es selbst aufsuche. Einer der indischen Geschäftsleute, der lustigerweise mit einem indischen Basarbetreiber aus Hamburg St. Georg befreundet ist, vermutete in mir einen Gleichgesinnten zu finden, als er ein Klagelied über Phnom Penh anstimmte. Ich käme doch auch aus einer Großstadt und müsse doch Phnom Penh auch als provinziell und verschlafen empfinden. Nun, im Bereich des geistigen Lebens jeder Art würde ich Phnom Penh ohne Zögern eine profunde Provinzialität attestieren. Was hingegen Verschmutzung, Verkehrslärm und Überfüllung angeht, da muss sich Phnom Penh leineswegs verstecken.
Mein indischer Gesprächspartner schien also durchaus falsche Vorstellungen von den Hamburger Verhältnissen zu haben, wiewohl er dort schon einmal zu Gast war. Er selbst kommt nämlich aus Neu-Dehli, einem Ballungsraum also, indem seinen Angaben zu Folge ca. 100 Millionen Menschen leben. Da fällt es mir nicht schwer zu glauben, dass alles noch ein wenig enger zugeht.
Angesteckt von der neuen Sichtweise warf ich dann noch einen Blick auf einen der größeren Boulevards, an dem das Restaurant liegt. Und in der Tat. Es gibt Zeiten am Tag, da ist hier nichts los. Von zwölf bis zwei ist heilige Mittagspause: da liegen die Mototaxifahrer im Schatten auf ihrem Moped; da spannen sich die Polizisten eine Hängematte, da liegen die Marktverkäuferinnen auf ihren Habseligkeiten. Und dann sind auch die Straßen leer – zumindest einige. Das wäre mir nun aber niemals als Mangel der Stadt aufgefallen, das einzige, was ich während dieser Zeit zu beklagen habe, ist, dass es in der Sonne ca. 50 °C heiß ist und dass man sich wie in einem Mikrowellenapparat fühlt. Mich dünkt, dass Indien nicht der richtige Platz für einen erholsamen Aufenthalt ist.

Boulevard zur Mittagszeit. Nur einige Arbeiterinnen müssen Unkraut aus dem Rasen ziehen.

Können Schweine schwimmen?

02. September 2008

Der Umstand, dass das bewaffnete Bandenwesen in Kambodscha verschwunden ist und damit Raubüberfälle auf Landstraßen faktisch nicht mehr vorkommen, ist ganz offenbar nur aus einem Grund vom kambodschanischen Staat forciert worden. Nunmehr nämlich wird die Wegelagerei von der öffentlichen Hand als Monopol organisiert und je nach Stellung in der Hierarchie bekommen die Beteiligten ein Moped, einen Lexus oder einen Hummer. So lungern also behäbige Uniformträger in kleinen Häuschen am Straßenrand und kassieren je nach Gemütslage die vorbeifahrenden Menschen ab; freilich sind diese kleinen Würstchen die Mopedfahrer. Dabei lagern die Polizisten oftmals in kleinen Hütten, die das Banner einer hier verbreiteten japanischen Biersorte tragen – Asahi. Gewiß trinken die Polizisten in ihren Verschlägen auch Bier, immerhin sieht man sie dann und wann sturz betrunken mit ihrem Moped Schlangenlinien fahren. Warum nun aber gerade eine Brauerei sich befleißigt, den Polizisten eine Unterkunft zukommen zu lassen, ist mir ein Rätsel.
Zwei Mal nun wollten mich die Tage- und Gelddiebe in Uniform schon behelligen; einmal mit Erfolg. Ich beging einen der hier üblichen Verkehrsregelverstöße, als ich eine sechsspurige Straße auf der falschen Seite entlang fuhr. Nach ausführlicher Skizze über die Phänomenologie meines Verstoßes wollte der Herr in Uniform 30 $ haben. Das ist wahrscheinlich sein halbes reguläres Monatsgehalt und das 24-fache des im Gesetz vorgesehenen Bußgeldes. Es dauerte etwa eine halbe Stunde bis ich den Preis auf 15 $ herunter gehandelt hatte. Dann musste ich dringend los, da andernorts ein Taxi wartete, das eigens für diesen Tag bestellt worden und einige Freunde und mich nach Siem Reap zu tragen bestimmt war. Nun gut. Einmal mache ich solche Unverschämtheiten ja noch halbwegs entspannt mit, immerhin habe ich ja auch kaum eine Wahl.
Nun wollte mich aber vor zwei Tagen abermals ein Polizist anhalten. Diesmal hatte ich mir nichts zu Schulden kommen lassen, ich zweifele aber nicht, dass ich zu schnell oder zu langsam, mit oder ohne Licht, zu wenig oder zu sehr in der Mitte der Straße fuhr. Grimmigen Blicks und festen Schritts zielte also der Polizist mit seinem Verkehrswinkstab wie mit einer Pistole auf mich und gab mir zu erkennen, dass ich rechts heranfahren solle. Hah! Denkste! Der Stab traf mich zwar noch am Arm, aber weg war ich. Zunächst war ich ein wenig verängstigt um seine Reaktion. Immerhin sollte man ein solches Spiel mit deutschen Polzisten eher nicht treiben; die würden vermutlich ernst machen. Dem Tagedieb war’s freilich egal. Dem geht’s ja nicht ums Prinzip oder um die Grundsätze des Berufsbeamtentums, sondern ums Geld. Das aber ist schneller verdient, wenn er sich einfach wieder in seine Lauerstellung zurück begibt, als wenn er eine wilde Verfolgungsjagd aufnimmt. Der nächste Ausländer kommt bestimmt.
In der Tat bin ich nun aber ein wenig verschüchtert. Wenn man schnell fährt, ist alles OK, dann kann man womöglich einfach den Motor aufheulen lassen und die Polizisten springen schon zur Seite. Fährt man aber langsam oder muss gar an einer Ampel zum Stehen kommen, ist man ihnen schutzlos ausgeliefert…

Bokor Hill II

02. September 2008

Meine – und anderer Menschen – kleine Rundreise durch den Süden Kambodschas führte uns zunächst nach Kep, von dort über einen Tagesausflug zu einer kleinen Insel vor der Küste – Rabbit Island – schließlich nach Kampot. Kampot – das kleine Städtchen in dem ich bereits zuvor einmal zu Gast gewesen bin und welches als die für mich größte Attraktion den 1080m hohen Bokor Hill hat, auf dem die sogenannte French Town steht – ein altes verlassenes Kasino, eine Kirche und einige alte Feriengebäude, welche von den Franzosen seit den 20er Jahren dort errichtet wurden.
Nachdem ich das letzte Mal aus Zeitgründen den Berg nur im Rahmen einer organisierten Minibusfahrt zu besuchen vermochte, sollte er beim neuerlichen Besuch in Kampot nun höchst persönlich erklommen werden. Dafür wurde der Guide vom letzten Mal erwählt und für eine Wanderung auf den Berg angeheuert. So machten wir – vier Freunde an der Zahl – uns eines morgens auf und wurden zunächst mit zwei alten Mopeds, von denen mindestens eines keine Bremse hatte, an den Fuße des Berges verschafft. Dort trafen wir uns mit einem schweigsamen Ranger des Nationalparks, der uns mit seinem rostigen Bürgerkriegsmaschinengewehr die gesamte Wanderung über ein sicheres Gefühl gab.
Schnell offenbarte sich das zentrale Problem des Tages. Die Aussage unseres Guides, wir müssten uns um nichts kümmern, für Essen und Getränke sei gesorgt, entpuppte sich schnell als nur relativ richtig. Relativ zu kambodschanischer Transpiration. Es mag ja sein, dass 1,5 Liter Wasser pro Person für kambodschanische Verhältnisse eine adäquate Menge an Wasser darstellt, wenn man den ganzen Tag bei 35°C durch den feuchten Urwald läuft. Alle nicht-kambodschanischen Beteleigten hatten indessen das Gefühl, schon nach einer halben Stunde die gesamte Wasserration austrinken zu müssen. Ärgerlich, dass wir uns hatten beschwichtigen und nicht noch eigenes Wasser mitgebracht hatten.
Nach c.a. zweistündiger Wanderung durch den Urwald stand dann fest, dass wird uns einer zur Verfügung stehenden Abkürzung zum Gipfel bedienen würden. Da die Strasse zum Gipfel gerade neu hergerichtet wird, verkehren nämlich oftmals LKWs auf der einzigen Zufahrtsstrasse, die Arbeiter, Baumaterial oder beides transportieren. Als wir diese dann nach eben jener zweistündigen Wanderung erreichten, nahmen wir den ersten LKW und kamen so in die Gunst einer wirklich hilfreichen Abkürzung. Gewandert wurde dann trotzdem noch, aber eben nur 2,5 und nicht 4,5 weitere Stunden.


Was man vom Bokor Hill zu sehen bekam, war wirklich erschreckend, viel erschreckender, als es noch vor drei Monaten war. Die kommerzielle Nutzung des Bokor Hills ist an einen Investor verkauft worden und dieser errichtet nun auf dem Gipfel ein Hotel, wohlgemerkt im Nationalpark. Die Ruinen der Frenchtown bleiben einstweilen erhalten, das Flair des Berges ist aber schon jetzt dahin. Die einstmals schmale Strasse wird enorm verbreitert und dafür eine Schneise durch den Urwald geschlagen. Auf verschiedenen Ebenen des Berges werden riesige Bereiche planiert, um dort irgendwelche unterstützenden Bauwerke zu errichten. So wird etwa auf halber Höhe ein Zementwerk errichtet, für dessen Produktion dann weitere Bereiche des Berges abgetragen werden. Auf dem Gipfel selbst wird eine tiefe Grube für das neue Hotel ausgehoben. Den Gipfel der Geschmacklosigkeit aber, da bin ich sicher, wird sicher das neue Hotel selbst darstellen.
Wir nun durften direkt neben der Großbaustelle in der Rangerstation übernachten, die bald auch abgerissen wird. Abrißreif, ja so war diese Station in der Tat. Alles war muffig, schimmelig und feucht und sogar das Holzgestell der Betten war mit einem weißen Pelz überzogen. Nichts für Asthmatiker und eigentlich auch nichts für irgendeinen anderen Menschen. Aber da eine Übernachtung im alten Kasino noch unwirtlicher gewesen wäre, mussten wir da durch.
Kasino und Kirche waren dafür immer noch von gleicher Schönheit wie zuvor. Ein bizarres Wolkenspiel lässt sie im einen Moment komplett verschwinden und im nächsten in vollem Sonnenlicht erstrahlen.
Am nächsten Tag ging es dann im strömenden – abermals teilweise auf der Ladefläche verschiedener Kraftwagen – zurück nach Kampot, wo wir dann pünktlich zur Happy Hour in zurück in unserem Guesthouse waren.


Eine kambodschanische Weiseheit sagt,

22. August 2008

daß nur derjenige in Kambodscha richtig Motorrad gefahren ist, der auch mit einer Kuh kollidiert ist. Nun kann ich zum Glück nicht berichten mit einer Kuh zusammengestoßen zu sein. Bei meiner erst unlängst zu Ende gegangenen Gin-Tonic Tournee durch Kambodschas Süden geriet mir allerdings ein anderer Vierfüßler von stattlichem Gewicht unter die Räder. Und das nicht infolge Gin-Tonic Konsums.
Gerade erst angekommen in dem charmanten Küstenort Kep wollten wir das Umland mit dem Motorrad erkunden. Da jedes Reisfeld jedem anderen gleicht, da Khmer Kenntnisse und Orientierungsbefähigung zu wünschen übrig lassen, entschlossen wir uns, die Motorradtour von einem lokalen Exilanten anleiten zu lassen, der in Kep eine Kneipe betreibt. Dieser führte uns zu verlassenen Bahngleisen in einer Art Heidelandschaft, aus der die fünf Freunde offensichtlich gerade erst abgereist waren. Wir trafen einen deutschen Aussiedler, der zum Einsiedler umgeschult hatte, nunmehr Früchte anbaut und diese für einen Hungerlohn feilbietet. (z.B. ca 7 US $ Cent für ein Kilo Papaya im Weiterverkauf an Markthändler). Von diesem Einkommen fristet er sein Dasein allein in einer kleinen Holzhütte in der Einöde Kambodschas.
Weiter führte uns der Weg über eine Schlammpiste, die teils nur zu durchqueren war, wenn man mit Vollgas die etwa knietiefen Wasserlöcher durchbräschte. Mit Vollgas durch knietiefes Wasser und Durchquerung des Wassers an einer bestimmten Stelle sind nun aber Vorgaben, die nicht konfliktlos zueinander stehen. Schon bald kam es daher dazu, dass ich mit meinem Motorrad zu schnell und an falscher Stelle ans Trockene kam und – mich fühlend wie Colt Sievers – einen Holzzaun durchbrach. Nicht so schlimm. Der Zaun war ein Leichtbau, die verbogenen Teile am Moped ließen sich wieder gerade ausrichten und gegen die Zerstörung von Zäunen besteht ohnehin kein prinzipieller Einwand. Diese werden nämlich seit einigen Jahren vermehrt errichtet und zeigen an, in welchem Maße hier das Land veräußert wird. Vielfach kaufen reiche Menschen aus den Städten die Flächen auf und spekulieren mit Erfolg auf die immer weiter steigenden Grundstückspreise. Da hilft zwar eine Wüterei gegen die Zäune nichts, schaden aber kann sie auch nicht.
Nach einigen weiteren Runden durch das kambodschanische Outback setzte ich dann meinen Kollissionskurs fort. Diesmal war ein Schwein an der Reihe. Lagerte es zunächst am Straßenrad, so zog es doch plötzlich vor, die Straße unmittelbar vor meinem Motorrad zu überqueren. Da half nichts mehr. Das Schwein wurde vom Vorderrad erfasst, ich fiel und das Schwein quickte. Kurz darauf quickte es erneut, als es vom mir nachfolgenen Motorradfahrer nochmals erwischt wurde. Alles in allem ist nichts Schlimmes passiert. Ein zerrissenes Hemd, einige Schürfverletzungen und ein später auf vier Dollar betitelter Sachschaden am ohnehin schon zuvor völlig zerschundenen Moped waren der Preis der Schweinjagd. Gelernt habe ich aber, dass man zum Motorradfahren gut daran tut, sich nicht allein mit einem Helm sicher zu wähnen. Auch Schürfverletzungen tun weh und Zusammenstößen mit Tieren sind eine der häufigsten Unfallursachen.